
Zürich braucht bezahlbaren Wohnraum. Aber Zürich braucht keinen Ersatzneubau-Wahnsinn, der intakte Gebäude vernichtet, Mieter*innen verdrängt und gewaltige Mengen grauer Energie (20% der städtischen indirekten Emissionen[1]!) in Bauschutt verwandelt. Wie schaffen wir mehr bezahlbaren, ökologischen und sozial gerechten Wohnraum innerhalb des bestehenden Stadtgefüges? Die Antwort ist klar: Bestand verdichten statt Bestand vernichten.
Paradigmenwechsel in Baubranche notwendig
Die bisherige Logik des Immobilienmarkts ist ökologisch wie sozial gescheitert. Im Zürcher Grossraum dominiert weiterhin eine Praxis, bei der Verdichtung häufig mit Abriss gleichgesetzt wird. Hohe Standards, Nutzungsreserven, neubauorientierte Verfahren, fehlende Kostenwahrheit und trügerische Ökobilanzen begünstigen Ersatzneubauten, obwohl intakte Bausubstanz weitergenutzt werden könnte. Besonders fatal ist, dass graue Emissionen in der Politik und Planung oft unterschätzt werden, weil die Betriebsemissionen des Gebäudes im Vordergrund stehen, während Erstellung, Materialproduktion und Importemissionen ausgelagert werden[2].
Die aktuelle Forschung zeigt, dass Verdichtung nur dann klimawirksam ist, wenn sie tatsächlich mehr Menschen mit weniger Fläche pro Kopf unterbringt («Personendichte»). 14 % der Mehrfamilienhaus-Ersatzneubauten führen trotz Abriss und Neubau nicht zu mehr untergebrachten Personen. Ersatzneubau ist damit nicht automatisch Verdichtung, sondern kann auch ein klimapolitisches Fiasko sein: mehr Bauvolumen, höhere Mieten, aber kaum mehr Menschen. Entscheidend ist nicht mehr die Bilanz pro m2, sondern die erreichte Personendichte, die soziale Wirkung und die CO₂-Bilanz pro zusätzlich wohnender Person[3].
Junggrüne Wohnpolitik hinterfragt deshalb Ersatzneubauten konsequent. Abriss darf nicht der Normalfall sein, sondern die begründungspflichtige Ausnahme. Eine weitergedachte Quartiererhaltungszone muss nicht nur historische Fassaden schützen, sondern auch ökologische Substanz, bestehende soziale Netze, bezahlbare Mieten und gewachsene Alltagsräume. Ziel muss eine Null-Abriss-Vision als Leitbild für die Stadtverwaltung sein: Jeder Planungsprozess beginnt mit der Pflicht zur Prüfung von Sanierung, Aufstockung und gemeinschaftlicher Nachverdichtung. Bauen im Bestand muss rechtlich, finanziell und administrativ bevorzugt werden.
Die Stadt den Bewohner*innen statt Konzernen!
Gleichzeitig muss Zürich der Gentrifizierung entschlossen entgegentreten. Ersatzneubauten führen in der Regel nicht einfach zu «mehr Wohnraum für alle», sondern zu einem Austausch der Bewohnerschaft. Wer abreisst, reisst oft auch soziale Strukturen ab. Sog. «Ökologische Neubauten» führen meist zu Verdrängung und Eco-Gentrification, da höhere Einkommen und grössere Wohnflächen pro Kopf angezogen werden. Gemeinnütziger Wohnungsbau, Belegungsvorschriften und Bodenpolitik sind deshalb zentrale Klimainstrumente. Die Nettoemissionen bei Genossenschaften sind pro zusätzlich untergebrachter Person rund 20 % niedriger als bei profitorientierten MFH-zu-MFH-Projekten.
Der Boden darf nicht länger als Finanzprodukt für Konzerne und Investor*:innen behandelt werden. Wenn bis zu 50 % der Kosten eines Bauvorhabens auf den Bodenpreis zurückgehen, ist klar: Die Wohnungsfrage ist auch eine Bodenfrage. Die Stadt Zürich darf keinen Boden verkaufen, muss Commons im Stadtraum sichern und konsumfreie Räume erhalten.
Zur junggrünen Vision gehört auch eine Care-Economy im Städtebau: Baupolitik muss für Menschen und Umwelt sorgen, statt Kapital zu verwerten. Dazu gehört Biodiversität im Siedlungsraum als verbindlicher Planungsgrundsatz. Biodiversität bedeutet mehr als Baumschutz: Entsiegelung, Schwammstadt, ökologische Vernetzungskorridore, Gewässerräume und die Reduktion von Lichtverschmutzung sind elementare Bausteine.
Die Stadt Zürich muss dichter und ökologischer werden, aber nicht exklusiver. Und sie muss wachsen können, ohne ihre Bewohner*:innen, ihre Bausubstanz und ihre Stadtnatur zu verdrängen. Junggrüne Wohnpolitik heisst deshalb: Abriss stoppen, Bestand aktivieren, Boden dem Markt entziehen, Biodiversität schützen und Wohnraum als Grundversorgung statt als Anlageprodukt behandeln.
[1] Stadt Zürich, 2025, Netto-Null Zwischenbericht
[2] Eisinger & Späth, 2024, Espazium: Verdichtung im Bestand statt Vernichtung des Bestands
[3] Schmid et al., 2026, ETH: Per capita climate impacts: densification fails without floor space sufficiency